Was ist Schamanismus?

In 3 Sätzen:
Unter einem Schamanen versteht man einen Heiler, spirituellen/religiösen Spezialisten, der, meist zum Wohle der Gemeinschaft, weltweit medizinische und/oder kultische Handlungen ausführt. Einige zurückgezogen lebende Kulturen konnten ihr Wissen vor Kolonialismus, Christianisierung usw. bewahren. Reisende brachten schamanisches Wissen/Praktiken von ihren Fahrten mit und machten den Schamanismus als Neo-Schamanismus in der westlichen Welt populär.

Definition:

Das Wort „Schamane“ stammt wahrscheinlich vom tungusischen Wort “Šaman” ab, was soviel bedeutet wie “der, der weiß” bzw. “der, der erhoben ist” [Schnurrenberger & Suchan], es gibt aber auch andere Herleitungen , wie bspw. das Pali-Wort "Samana", das mit "Bettelmönch" und "Asket“ übersetzt wird [Korn 2010].

Im engeren Sinne beschränkt sich Schamanismus auf Sibirien [Schnurrenberger & Suchan].

Im weiteren Sinn versteht man unter einem Schamanen einen Heiler, spirituellen/religiösen Spezialisten, der weltweit medizinische und/oder kultische Handlungen ausführt, angepasst an die jeweilige Kultur und Tradition, und meist zum Wohle der Gemeinschaft [Harris 1989, Rosenbohm 1999, Schnurrenberger & Suchan].

Verdrängung, Bewahrung und Wiederentdeckung:

Im Zuge von Kolonialismus, Christianisierung, Hexenverbrennungen [Hagen, Rune, Blix 2014] usw. wurde der Schamanismus gemeinsam mit anderen traditionellen Heilmethoden und teilweise ganzen Kulturen ausgerottet oder zumindest verdrängt.

Das heutige Wissen ist teilweise lückenhaft, teilweise mit Neo-Schamanismus vermischt [Oelschlägel 2013; Neubauer 2008], dennoch sind weltweit zahlreiche Kulturen mit schamanischen Elementen lebendig, u.a.: Zahlreiche Amazonas-Völker, Tapirape-Medizinmänner in Brasilien [Eliade 2001], Uwishin in Ecuador und Peru, nordmexikanische Ewe-Ame der Tarahumara [Hultkrantz, Rípinsky-Naxon & Lindberg 2002], Marakame der Huixol [Hultkrantz, Rípinsky-Naxon & Lindberg 2002], die australischen Clever Men [Cerny 2000], südkoreanische Mudang [Tworuschka 1992], indische Barwo [Mandol 1995], andamische Oko-Jumu [Dawson 2001], Nikobarische Menluana [Man 2005], vietnamesische Dong [American Museum of Natural History], Malayische Pawang [Benjamin & Chou 2002], ungarische Taltos [Turfitt 2005], …

Unabhängig von indigenen Völkern oder bestehenden Traditionen befassen sich aber auch viele Menschen im Westen mit Schamanismus [Schnurrenberger & Suchan], verschiedene Leute brachten schamanisches Wissen/Praktiken von ihren Reisen mit.

Obgleich teilweise umstritten, gründeten sie Schulen und machten den Schamanismus als Neo-Schamanismus in der westlichen Welt populär. Hierzu zählen u.a.:

  • Michael Harner, US-amerikanischer Anthropologe, entwickelte aus verschiedenen schamanischen Kulturen den „Core Schamanismus“ [Harner bzw. Foundation for Shamanic Studies 2017].

  • Der amerikanische Anthropologe und Schriftsteller Carlos Castaneda beschreibt in seinen Werken über die Lehren des Don Juan angeblich Wissen, das ihm ein mexikanischer Yaqui-Indianer übermittelt hat [Schnurrenberger & Suchan].

  • Clemens Cuby reiste zwei Jahre um den Globus und verfilmte seine Erfahrungen mit schamanischen Heilern 2001 in dem Kino -Dokumentarfilm „Unterwegs in die nächste Dimension“ [Cuby 2002].

  • Alberto Villoldo, kubanischer Psychologe, veröffentlichte nach Peru- und Amazonasreisen zahlreiche Bücher und gibt Seminare/Veranstaltungen [Villoldo 2019].

Auf der anderen Seite bringen noch intakte zurückgezogen lebende Kulturen, die ihr Wissen in der Abgeschiedenheit bewahrt haben, dieses nun in die Welt:

Beispielsweise reisen die Wixaritari/Huichol, ein in der Sierra Madre Mexikos lebender Indianerstamm, mit Schamanen und Auszubildenden durch Europa und lassen die Menschen an ihren Ritualen teilnehmen [Kekari Iraieya Wirikuta/"Heart of the World" (Herz der Welt) Verein].

Die Andenländer geben ihr Wissen an interessierte Ausländer weiter [Müller 2010]: U.a. in Peru [Nihue Rao], Kolumbien [Greiner] und Brasilien werden Dietas im Dschungel und Ayahuasca- und San Pedro-Zeremonien für Europäer/Amerikaner angeboten.


Literaturverzeichnis:

• American Museum of Natural History: Journeys to other worlds: Vietnam: the rites of shamans; letzer Aufruf Februar 2019
• Benjamin & Chou (Hrsg.): Tribal Communities in the Malay World: Historical, Cultural, and Social Perspectives. Institute of Southeast Asian Studies, 2002
• Cerny: Die Heilgeheimnisse der Aborigines. 2000
• Cuby, Clemens: Unterwegs in die nächste Dimension, Film 2002; Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=VYDinJSiHBI; letzter Aufruf Sep 2022]
• Dawson: Progress and Religion: An Historical Inquiry (= Works of Christopher Dawson.). Catholic University of America Press, 2001
• Eliade: Schamanismus und schamanische Ekstasetechnik. 2001
• Hagen, Rune Blix: Die Hexenprozesse in der Finnmark, Norwegen. Lexikon zur Geschichte der Hexenverfolgung, hrsg. v. Gudrun Gersmann, Katrin Moeller und Jürgen-Michael Schmidt, in: historicum.net, URL: https://www.historicum.net/purl/jfzpa/; letzter Aufruf Mai 2019
• Harner / Foundation for Shamanic Studies: Geschichte; https://www.shamanicstudies.net/geschichte/; letzter Aufruf Mai 2019
• Harris: Kulturanthropologie – Ein Lehrbuch. Campus 1989
• Hultkrantz, Rípinsky-Naxon & Lindberg: Das Buch der Schamanen. Nord- und Südamerika, 2002
• Jessica Greiner: https://ayahuasca-retreat-colombia.com/; letzter Aufruf Sep 2022
• Kekari Iraieya Wirikuta/"Heart of the World" (Herz der Welt) Verein: https://www.facebook.com/events/gockhausen-dorf/huichol-ceremony-of-love-in-z%C3%BCrich-gockhausen-map-in-comments/1345311775586077/; letzter Aufruf Sep 2022
• Korn: Kurzinformation Religion: Schamanismus; Religionswissenschaftlicher Medien- und Informationsdienst e.V. REMID, 2010
• Man: A dictionary of the central Nicobarese language: with appendices containing a comparison of synonymous words in the remaining Nicobarese forms and other matters, preceded by notes on the grammar of the central form. Reprint of 1975 reproduction, Mittal Publications, 2005
• Mandol: Schamanische Tranceheilung eines Bhil-Barwo/Indien. In: Curare. Band 18, Nr. 2, 1995
• Müller: Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale. München 2010
• Neubauer (Hrsg.): The Survivors - Vom Ureinwohner zum Weltbürger. Tandem, Potsdam 2008
• Nihue Rao: https://www.nihuerao.com/index.php/de/; letzter Aufruf Sep 2022
• Oelschlägel: Plurale Weltinterpretationen. Das Beispiel der Tyva Südsibiriens. SEC Publications, Fürstenberg (Havel) 2013
• Rosenbohm (Hrsg.): Schamanen zwischen Mythos und Moderne. 1999
• Schnurrenberger & Suchan: Pagan-Info; https://www.pagan-info.de/; letzter Aufruf Februar 2019
• Turfitt: Die Ungarn – ein Schamanenvolk? Erschienen in: Der große Lebenskreis – Ethnotherapien im Kreislauf von Vergehen, Sein und Werden. Ethnomed – Institut für Ethnomedizin, 2005
• Tworuschka: : Religionen der Welt in Geschichte und Gegenwart. 1992
• Villoldo: The four winds homepage; https://thefourwinds.com/about-us/; letzter Aufruf: Mai 2019

Copyright © Sonja Rickert

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